Selen ist ein Halbmetall mit der Ordnungszahl 34. Es gehört zu den Stoffen, die der menschliche Organismus in winzigen Mengen benötigt — die Tagesmengen bewegen sich im Bereich von Millionstel Gramm. Trotzdem ist Selen einer der wenigen Mineralstoffe, bei denen die geografische Herkunft eines Lebensmittels die enthaltene Menge um mehr als das Zwanzigfache verschieben kann.
Der Grund liegt im Untergrund. Selen gelangt über verwitterndes Gestein in den Boden und von dort in Pflanzen. Weite Teile Mitteleuropas liegen auf Sedimenten mit vergleichsweise geringen Selengehalten, während die Getreideanbaugebiete der nordamerikanischen Prairie deutlich höhere Werte aufweisen. Weizen aus Kansas und Weizen aus Mecklenburg tragen deshalb nicht denselben Selengehalt in die Mühle.
Diese Seite trägt zusammen, was über Selen als Nährstoff dokumentiert ist, und zieht dabei eine klare Trennlinie: Zwischen dem, was die Biochemie beschreibt, und dem, was in der Europäischen Union als gesundheitsbezogene Angabe zugelassen ist. Beides gehört zusammen, ist aber nicht dasselbe.
Fünf Sätze zu Selen sind in der EU freigegeben; dieser Beitrag ordnet ein, worauf jeder einzelne beruht. Selen trägt zu einer normalen Schilddrüsenfunktion bei — Gemäß Verordnung (EU) Nr. 432/2012.
Zum Selen-LeitfadenBei Calcium oder Kalium liegen die Gehaltsangaben in Nährwerttabellen dicht beieinander, unabhängig davon, wo das Lebensmittel gewachsen ist. Bei Selen ist das anders. Ein und dieselbe Getreidesorte kann je nach Anbauregion zwischen wenigen Mikrogramm und mehreren Dutzend Mikrogramm pro 100 Gramm liefern. Wer eine Tabelle liest, liest deshalb immer einen Mittelwert über Proben unterschiedlicher Herkunft.
Im Körper eines Erwachsenen befinden sich insgesamt etwa 10 bis 15 Milligramm Selen. Das ist wenig — weniger als ein Zwanzigstel des Eisenbestands. Der Organismus setzt diese kleine Menge sehr gezielt ein: In rund 25 menschlichen Proteinen ist Selen nicht angelagert, sondern fest in die Aminosäurekette eingebaut.
Die meisten Spurenelemente wirken als Kofaktoren — sie sitzen in einer Tasche des Enzyms und lassen sich prinzipiell austauschen. Selen geht einen anderen Weg. Es wird in Form der Aminosäure Selenocystein direkt in die wachsende Proteinkette eingebaut, an genau der Position, die der genetische Code vorgibt.
Bemerkenswert daran: Der zuständige Codon-Dreier UGA ist üblicherweise ein Stoppsignal. Nur wenn die mRNA eine bestimmte Faltstruktur trägt, das sogenannte SECIS-Element, liest das Ribosom UGA nicht als Abbruch, sondern als Bauanweisung für Selenocystein. Bleibt Selen aus, bricht die Synthese dieser Proteine an dieser Stelle tatsächlich ab. Deshalb spricht man bei Selenocystein von der einundzwanzigsten proteinogenen Aminosäure.
Die größte Gruppe der Selenoproteine sind die Glutathionperoxidasen. Sie nehmen Wasserstoffperoxid und organische Peroxide auf und überführen sie in Wasser beziehungsweise in die entsprechenden Alkohole. Als Reduktionsmittel dient Glutathion, ein körpereigenes Tripeptid. Das Selenocystein im aktiven Zentrum ist dabei die Stelle, an der die Reaktion tatsächlich stattfindet.
Parallel dazu arbeiten die Thioredoxinreduktasen, ebenfalls Selenoproteine, an der Regeneration oxidierter Proteinstrukturen. Beide Enzymfamilien gehören zu dem Netzwerk, auf das sich die folgende Angabe bezieht:
„Selen trägt zum Schutz der Zellen vor oxidativem Stress bei“ — Gemäß Verordnung (EU) Nr. 432/2012
Die Dejodasen, die Thyroxin in seine stoffwechselaktive Form überführen, gehören derselben Proteinklasse an. Damit ist auch die Verbindung zur Schilddrüse hergestellt, ohne dass dafür ein zweiter Mechanismus nötig wäre.
In fast jeder Aufstellung selenhaltiger Lebensmittel steht die Paranuss an erster Stelle, oft mit großem Abstand. Der Baum Bertholletia excelsa wurzelt tief und reichert Selen aus dem Untergrund des Amazonasbeckens in seinen Samen an. Die Spannweite ist allerdings enorm: Analysen finden je nach Herkunftsregion von rund 30 bis zu mehreren Tausend Mikrogramm pro 100 Gramm.
Diese Streuung ist der Grund, warum Ernährungsfachgesellschaften bei Paranüssen zurückhaltend formulieren. Eine einzelne Nuss kann rechnerisch den Tagesbedarf decken oder ihn um ein Vielfaches übersteigen — ohne dass man der Nuss das ansieht. Verlässliche Alltagsquellen sind eher Fisch, Fleisch, Innereien und Eier, deren Werte weniger stark schwanken, weil Nutztiere über Mischfutter versorgt werden.
Selen gehört zu den Mineralstoffen mit den meisten zugelassenen Angaben. Jede dieser Angaben wurde einzeln geprüft und bezieht sich auf ein eigenes Gewebe oder einen eigenen Vorgang. Sie stehen nebeneinander, nicht übereinander — keine ist eine Zusammenfassung der anderen.
Bezogen auf das Gewicht enthält die Schilddrüse mehr Selen als jedes andere Organ. Sie beherbergt sowohl Glutathionperoxidasen, die das bei der Hormonbildung anfallende Wasserstoffperoxid abbauen, als auch die Dejodasen, die Thyroxin in Trijodthyronin umwandeln.
Bei niedriger Zufuhr hält der Körper das Selen bevorzugt in diesem Gewebe — ein Hinweis darauf, wie die Prioritäten im Organismus verteilt sind.
Gemäß Verordnung (EU) Nr. 432/2012
Haarkeratin zählt zu den schwefelreichsten Proteinen des Körpers; der Cystinanteil liegt je nach Haartyp bei etwa 14 bis 18 Prozent. Diese Schwefelatome bilden Querverbindungen zwischen den Keratinsträngen und geben dem Haarschaft seine Zugfestigkeit.
Selen und Schwefel sind chemisch verwandt, beide stehen in der sechsten Hauptgruppe. Analysen finden Selen sowohl im Follikel als auch im fertigen Haarschaft, weshalb Haarproben in der Forschung als Langzeitmarker der Zufuhr dienen.
Gemäß Verordnung (EU) Nr. 432/2012
Ein Fingernagel schiebt sich im Monat um etwa drei Millimeter vor; ein Zehennagel braucht für dieselbe Strecke rund dreimal so lange. Die Platte selbst besteht aus rund 100 übereinanderliegenden Schichten abgestorbener, stark verhornter Zellen.
Weil das Material nach der Bildung nicht mehr umgebaut wird, konserviert die Nagelplatte den Stoffwechselzustand des Zeitraums, in dem sie entstanden ist. Auch für dieses Gewebe existiert eine eigene, gesondert geprüfte Angabe.
Gemäß Verordnung (EU) Nr. 432/2012
Beim Verbrennen von Nährstoffen in den Mitochondrien entstehen unvermeidlich reaktive Sauerstoffverbindungen. In maßvoller Menge dienen sie als Signalstoffe; in größerer Menge greifen sie Fettsäuren in Membranen und Bausteine der DNA an.
Gegen diese Verbindungen hält die Zelle ein gestaffeltes Enzymsystem bereit. Die selenhaltigen Glutathionperoxidasen bilden darin eine eigene Stufe, die vor allem Wasserstoffperoxid und Lipidperoxide erfasst.
Gemäß Verordnung (EU) Nr. 432/2012
Zellen der Immunabwehr gehören zu den stoffwechselaktivsten des Körpers. Makrophagen setzen reaktive Sauerstoffverbindungen gezielt ein, um aufgenommene Erreger abzubauen — und müssen sich zugleich vor genau diesen Verbindungen schützen. Selenoproteine sind an dieser Gratwanderung beteiligt.
Auch die Vermehrung von T-Lymphozyten nach Antigenkontakt geht mit erhöhtem Umsatz einher. Untersuchungen an Immunzellen finden dort Selenoproteine in relativ hoher Konzentration. Auf diesen Zusammenhang bezieht sich die fünfte zugelassene Angabe.
Gemäß Verordnung (EU) Nr. 432/2012
Rund 40 Seiten zu einem einzigen Element: Herkunft, Messwerte, Grenzen der Aussage und die fünf freigegebenen Sätze im Originalwortlaut, jeweils mit dem EFSA-Gutachten, aus dem sie hervorgegangen sind.
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